Pressemitteilung 22/2012

Reality TV zwischen Fakten, Fiktion und Wirklichkeit — Ergebnisse der Programmforschung und Wirkungsaspekte

Saar­brü­cken, 13. Sep­tem­ber 2012: Auf Anre­gung des Medi­en­rats der LMS dis­ku­tier­ten Exper­ten, Gre­mi­en­mit­glie­der und die Fach­öf­fent­lich­keit am 12. Sep­tem­ber 2012 aktu­el­le Ergeb­nis­se der Fern­seh­pro­gramm­for­schung und der Medi­en­wir­kungs­for­schung. The­ma: „Ver­dachts­fäl­le“, „Betrugs­fäl­le“ oder „Mit­ten im Leben“? Reality-TV zwi­schen Fak­ten, Fik­ti­on und Wirk­lich­keit.

Die stell­ver­tre­ten­de Vor­sit­zen­de des Medi­en­rats, Frau Ikbal Ber­ber, beton­te zu Beginn des Fach­dia­logs das beson­de­re Inter­es­se des Gre­mi­ums an die­sem The­ma: So habe in den letz­ten Mona­ten eine brei­te öffent­li­che Dis­kus­si­on zu For­ma­ten des Scrip­ted Rea­li­ty im pri­va­ten Fern­se­hen statt­ge­fun­den, es sei­en aber auch zahl­rei­che Zuschau­er­kri­ti­ken und Beschwer­den über das durch die LMS betreu­te Por­tal www.programmbeschwerde.de ein­ge­gan­gen. Ins­be­son­de­re rich­te­te sich die Kri­tik auf pseudo-dokumentarische For­ma­te, die nach Ansicht des Publi­kums die Wahr­neh­mung der Lebens­wirk­lich­keit ver­fälsch­ten. Moniert wür­den aber auch ein­sei­ti­ge oder als dis­kri­mi­nie­rend emp­fun­de­ne Dar­stel­lun­gen bestimm­ter eth­ni­scher oder sozia­ler Grup­pen. Dane­ben führ­ten auch her­ab­wür­di­gen­de Prä­sen­ta­tio­nen ein­zel­ner Per­so­nen oder Per­so­nen­grup­pen zu Beschwer­den. In begrün­de­ten Fäl­len wür­den dann durch die zustän­di­gen Medi­en­an­stal­ten Prüf­ver­fah­ren der Kom­mis­si­on für Jugend­me­di­en­schutz (KJM) und der Kom­mis­si­on für Zulas­sung und Auf­sicht (ZAK) der Lan­des­me­di­en­an­stal­ten ein­ge­lei­tet.

Die Auf­sicht sei also gut bera­ten, sich einen Über­blick über die Kate­go­rien und For­ma­te der Rea­li­täts­un­ter­hal­tung im Fern­se­hen zu ver­schaf­fen und sich mög­li­che Wir­kungs­ri­si­ken zu ver­ge­gen­wär­ti­gen. Dabei sei unter ande­rem zu fra­gen, wie eini­ge der pseu­do­rea­lis­ti­schen Dar­stel­lun­gen ins­be­son­de­re von fami­liä­rem Zusam­men­le­ben auf Kin­der und Jugend­li­che wirk­ten, wel­che Urteils­fä­hig­keit des jun­gen und erwach­se­nen Publi­kums bei der Ein­schät­zung des Rea­li­täts­ge­halts der Sen­dun­gen bestehe und wie sich die­ses Pro­gramm­an­ge­bot auf die Wahr­neh­mung der rea­len Lebens­welt aus­wir­ken kön­ne.

Auch die Bedeu­tung der Pro­gramm­grund­sät­ze des Rund­funk­staats­ver­trags und der jour­na­lis­ti­schen Sorg­falts­pflich­ten sei ange­sichts von Doku-Soaps und Pseu­do­jour­na­lis­mus zu erör­tern. „Denn schließ­lich darf man bei aller Dis­kus­si­on über Unter­hal­tungs­for­ma­te nicht ver­ges­sen, wel­che gesell­schaft­li­che Auf­ga­be auch der pri­va­te Rund­funk als ‚Medi­um und Fak­tor der öffent­li­chen Mei­nungs­bil­dung‘ zu erfül­len hat“, so Ber­ber.

Aktu­el­le Daten der Fern­seh­pro­gramm­for­schung aus dem Früh­jahr 2012 prä­sen­tier­te Prof. Dr. Hans-Jürgen Weiß, wis­sen­schaft­li­cher Lei­ter und Geschäfts­füh­rer der Göfak Medi­en­for­schung GmbH in Pots­dam. Als lang­jäh­ri­ger Exper­te für Pro­gramm­ent­wick­lun­gen kon­sta­tier­te er auch für 2012 eine wei­te­re Zunah­me die­ses Pro­gramm­seg­ments: „Gemes­sen an der Zahl der Reality-TV-Formate und der Sen­de­zeit, die die­sen For­ma­ten ins­be­son­de­re in den pri­va­ten Fern­seh­voll­pro­gram­men ein­ge­räumt wer­den, hat der Stel­len­wert der Rea­li­täts­un­ter­hal­tung im deut­schen Fern­se­hen im Ver­gleich zum Früh­jahr 2011 noch wei­ter zuge­nom­men: In der Stich­pro­ben­wo­che im Früh­jahr 2012 wur­den in den sechs pri­va­ten Voll­pro­gram­men ins­ge­samt 63 Reality-TV-Formate iden­ti­fi­ziert – zehn mehr als im Vor­jahr. Dazu kom­men drei For­ma­te im öffentlich-rechtlichen Fern­se­hen.“

Gemes­sen an der wöchent­li­chen Sen­de­zeit hät­ten RTL und Pro­Sie­ben ihr Ange­bot an Reality-TV-Formaten im Ver­gleich zum Früh­jahr 2011 etwas zurück­ge­nom­men, alle ande­ren pri­va­ten Voll­pro­gram­me wei­te­ten es aus – am stärks­ten RTL II (um mehr als 30 Stun­den) und VOX (um mehr als 22 Stun­den). Damit ste­he fest, dass die aktu­el­len Pro­gramm­pro­fi­le der drei Voll­pro­gram­me der RTL Group und auch des Markt­füh­rers der ProSiebenSat.1 Media AG, Sat.1, mas­siv von Reality-TV-Formaten geprägt sei­en. VOX ver­mit­te­le sogar mitt­ler­wei­le das Bild eines „Reality-TV-Spartensenders“.

Prof. Dr. Frank Schwab, Lehr­stuhl Medi­en­psy­cho­lo­gie der Julius-Maximilians-Universität Würz­burg und Vor­stand des Insti­tuts für Mensch-Computer-Medien, erläu­ter­te, wie sich die­ses Pro­gramm­an­ge­bot auf die Wahr­neh­mung der rea­len Lebens­welt durch das Fern­seh­pu­bli­kum aus­wir­ken kann.

Noch sei die For­schungs­la­ge zu Wir­kun­gen von Scrip­ted Rea­li­ty dürf­tig. Gleich­zei­tig sei aber das all­ge­mei­ne­re Pro­blem der Wir­kung von Rea­li­täts­dar­stel­lun­gen in den Medi­en durch­aus eta­bliert. Aus Sicht der Medi­en­psy­cho­lo­gie ging Schwab beson­ders ein auf mög­li­che Wir­k­aspek­te hin­sicht­lich der durch die Zuschau­er dem Pro­gramm­ge­sche­hen zuge­schrie­be­nen Rea­li­tät (Per­cei­ved Rea­li­ty). Er erläu­ter­te die Wir­kung der Medi­en als Sozia­li­sa­ti­ons­in­stanz (Kul­ti­vie­rungs­an­satz) und ver­wies auf das Phä­no­men, dass die Zuschau­er von Doku-Soaps bestrebt sind, sich von den dar­ge­stell­ten Medi­en­fi­gu­ren posi­tiv oder nega­tiv abzu­gren­zen (Paraso­zia­ler Ver­gleich). Die For­schungs­la­ge las­se außer­dem den Schluss zu, dass die emo­tio­na­len Wir­kun­gen von Medi­en­in­hal­ten stär­ker aus­fal­len, wenn das Gese­he­ne als ‚real‘ ange­se­hen wird. Bei der Beur­tei­lung sol­cher Wir­k­aspek­te durch das Publi­kum selbst sei eine Ten­denz fest­zu­stel­len, wonach jeweils ande­re Per­so­nen oder Per­so­nen­grup­pen für beein­fluss­ba­rer durch Medi­en gehal­ten wer­den als man selbst (Third Per­son Effekt).

In einem anschlie­ßen­den Podi­ums­ge­spräch wur­den mög­li­che Fol­ge­run­gen für die Medi­en­auf­sicht erör­tert. Der Direk­tor der LMS, Dr. Gerd Bau­er, bewer­te­te den unge­bro­che­nen Anstieg von Pseu­do­jour­na­lis­mus und sog. Reality-Formaten als bedenk­li­che Ent­wick­lung, vor allem hin­sicht­lich der gesell­schaft­li­chen Auf­ga­be des pri­va­ten Fern­se­hens. Es sei nicht damit getan, eine Dis­kus­si­on über die Kenn­zeich­nung sol­cher Sen­de­for­ma­te zu füh­ren, in der Annah­me, deren Wir­kung sei damit zu rela­ti­vie­ren. Ein hoher Grad an Insze­nie­rung, dra­ma­tur­gi­scher Gestal­tung, Ergän­zun­gen durch Spiel­sze­nen etc. sei­en von jeher auch in Doku­men­tar­fil­men üblich. Neben Abgren­zungs­pro­ble­men sehe er eine Kenn­zeich­nung von Scrip­ted Rea­li­ty auch des­halb skep­tisch, weil sie dahin­ge­hend miss­ver­stan­den wer­den könn­te, dass sich die Ver­an­stal­ter und Pro­du­zen­ten zum Teil von ihrer Ver­ant­wor­tung für den Kinder- und Jugend­schutz und die Ein­hal­tung der Pro­gramm­grund­sät­ze ent­bun­den fühl­ten. Eine Kenn­zeich­nung als distan­zie­ren­des Ele­ment rei­che nicht aus, mög­li­che Beein­träch­ti­gun­gen zu ver­mei­den. Auch die Kenn­zeich­nung von Wer­bung die­ne schließ­lich nicht deren Wir­kungs­lo­sig­keit.

Ich sehe die Ergeb­nis­se der jüngs­ten Pro­gramm­for­schung als Ansporn, wei­ter­hin und immer wie­der an die Kern­auf­ga­ben des pri­va­ten Rund­funks in einer posi­ti­ven Rund­funk­ord­nung zu erin­nern. Die­se besteht nicht in einer Auf­wei­chung oder Hybri­di­sie­rung des Infor­ma­ti­ons­be­griffs, son­dern unter ande­rem in der Ver­pflich­tung, zu einer frei­en öffent­li­chen Mei­nungs­bil­dung bei­zu­tra­gen“, so Bau­er in sei­nem Schluss­wort.

 

Kon­takt für Pres­se­an­fra­gen:

Vio­la Betz

Pres­se­spre­che­rin / Lei­te­rin des Büros des Direk­tors

28. Februar 2012