10 Jahre Bürgerportal Programmbeschwerde.de

Gespräch mit Claus Grewenig, Klaudia Wick, Dr. Gerd Bauer und Prof. Dr. Norbert Schneider

 PM 08/2014

 Claus Grewenig, Klaudia Wick, Dr. Gerd Bauer, Dr. Norbert Schneider

Saar­brü­cken, 13. Juni 2014: Anläss­lich des zehn­jäh­ri­gen Bestehens des Bür­ger­por­tals der Medi­en­an­stal­ten, Probgrammbeschwerde.de, ver­an­stal­te­te die LMS am 11. Juni 2014 in Saar­brü­cken einen Fach­dia­log zum The­ma „Public Value und Par­ti­zi­pa­ti­on: Braucht das Pri­va­te Fern­se­hen einen Publikumsrat?“

Vor einem Fach­pu­bli­kum aus Medi­en, Poli­tik, Gre­mi­en und Gesell­schaft berich­te­te der Initia­tor des Pro­jekts und Direk­tor der LMS, Dr. Gerd Bau­er aus 10 Jah­ren Beschwer­de­pra­xis: „Im Ver­lauf der Jah­re hat sich gezeigt, dass sich die Zahl der an uns gerich­te­ten Anlie­gen – mit Aus­nah­me von Beschwer­de­wel­len – bei ca. 1.000 pro Jahr ein­ge­pen­delt hat. Erfreu­lich ist dabei, dass sich die Qua­li­tät der Beschwer­den durch Wahr­neh­mung der Infor­ma­tio­nen auf dem Por­tal ver­bes­ser­te. Ins­ge­samt erfährt das Bür­ger­por­tal dann Wert­schät­zung, wenn es einem Ohn­machts­ge­fühl abhilft, wenn der Ein­zel­ne sich einem unüber­schau­ba­ren Kon­strukt „Medi­en­macht“ aus­ge­lie­fert sieht, kei­nen Adres­sa­ten für sein Anlie­gen fin­det und kei­ne eige­ne Wirk­sam­keit ver­spürt. Publi­kums­fra­gen und Beschwer­den kön­nen dann ein nütz­li­ches Instru­ment der Medi­en­ent­wick­lung sein, wenn sie eine Stel­le fin­den, die sie ernst­haft auf­nimmt, orga­ni­siert und schließ­lich einem han­deln­den Organ zuführt.“ Es gel­te nun, die­se Funk­tio­nen durch Ver­net­zung mit Gre­mi­en und Insti­tu­tio­nen in der Zukunft aus­zu­bau­en, so Bauer.

In einer Key­note zum The­ma „Public Value und Pri­vat­fern­se­hen“ beleuch­te­te Prof. Dr. Nor­bert Schnei­der die Bezie­hung von Rund­funk­frei­heit und Pro­gramm­be­schwer­de. Der frü­he­re Direk­tor der Lan­des­an­stalt für Medi­en Nordrhein-Westfalen und Mit­glied des Bei­rats des Kodex Deutsch­land für Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on und Medi­en (DVTM) stell­te fest, dass aus der Posi­ti­on des Rund­funks als Trä­ger grund­ge­setz­lich garan­tier­ter Frei­heits­rech­te auch eine gesell­schaft­li­che Ver­pflich­tung resul­tie­re. „Public Value ist kei­ne frei­wil­li­ge Leis­tung, son­dern eine Bring­schuld des pri­va­ten Fern­se­hens“, so Schnei­der. Dabei sei durch­aus zu berück­sich­ti­gen, dass Fern­se­hen über­wie­gend ein Unter­hal­tungs­me­di­um sei. Die Funk­ti­on der Beschwer­de im Ver­hält­nis von Sen­dern und Publi­kum ver­or­te­te Schnei­der vor dem Hin­ter­grund gesell­schaft­li­cher Wert­vor­stel­lun­gen. Sen­der und Publi­kum sei­en still­schwei­gend an Wer­te als ein gemein­sa­mes Drit­tes gebun­den. „Abwei­chun­gen von die­sem Wer­te­ka­non wir­ken, auch wenn sie von der Rund­funk­frei­heit gedeckt erschei­nen, auf das Publi­kum pro­vo­zie­rend, irri­tie­rend, manch­mal ver­stö­rend. Der Sitz im Leben für die Beschwer­de des Publi­kums ist das gefühl­te gebro­che­ne Versprechen.“

In der anschlie­ßen­den Dis­kus­si­on stell­te Klau­dia Wick, Fern­seh­kri­ti­ke­rin und Lei­te­rin des Fern­seh­film­fes­ti­vals Baden-Baden, zum Ver­hält­nis Publi­kum und Ver­an­stal­ter klar, dass es bei einer kla­ren „Arbeits­tei­lung“ blei­ben soll­te. Bei neu­en For­ma­ten mit Publi­kums­be­tei­li­gung (z. B. „Ber­lin Tag und Nacht“) sei durch­aus fest­zu­stel­len, dass es sonst auch zu affir­ma­ti­ven Effek­ten kom­men kön­ne. Eine Geschich­te müs­se letzt­lich durch Impul­se des Sen­ders getrie­ben wer­den. Aller­dings kön­ne auch bei Bei­be­hal­tung der Rol­len von Sen­der und Emp­fän­ger eine Publi­kums­de­bat­te um neue For­ma­te und Wer­te wich­tig für die Ent­wick­lung des Medi­ums sein. In den letz­ten Jah­ren hät­ten sich bei zunächst umstrit­te­nen For­ma­ten (z. B. „Ich bin ein Star, hol mich hier raus!“) auch neue Stan­dards ent­wi­ckelt, die letzt­lich zur Mainstream-Unterhaltung führ­ten. Qua­li­tät von Fern­se­hen zei­ge sich aber nicht nur an sei­nen Inhal­ten, son­dern auch an sei­ner Funk­ti­on an einem jewei­li­gen Sen­de­platz. Der „Tat­ort“ bei­spiels­wei­se bedie­ne zu sei­ner Sen­de­zeit ein gera­de vor Beginn der neu­en Woche nach­ge­frag­tes Unter­hal­tungs­in­ter­es­se. Bei Gelin­gen stei­ge die Quote.

Claus Gre­we­nig, Geschäfts­füh­rer des Ver­bands Pri­va­ter Rund­funk und Tele­me­di­en e. V. griff das Instru­ment Quo­te als maß­geb­li­chen Ein­fluss­fak­tor des Publi­kums auf. Aus die­sem Grund und wegen der mitt­ler­wei­le stark nach­ge­frag­ten Ein­be­zie­hung Sozia­ler Medi­en durch die Sen­der kön­ne er kein Aus­ge­lie­fert­sein der Zuschau­er fest­stel­len. Die­se Inter­ak­ti­vi­tät müs­se aus­ge­baut und auch für die Pro­gramm­ent­wick­lung genutzt wer­den. Auch Programm­beiräte, wie sie bei eini­gen pri­va­ten Sen­dern bestehen, könn­ten einen Bei­trag zur Ent­wick­lung von Leit­li­ni­en und zur Dis­kus­si­on ethi­scher Maß­stä­be leis­ten. Die Bewer­tung des „Public Value“ soll­te sich dar­über hin­aus nicht an ein­zel­nen Pro­gram­men ori­en­tie­ren, in die Viel­falts­be­trach­tung müs­se viel­mehr der gesam­te Bereich des pri­va­ten Fern­se­hens ein­be­zo­gen werden.

Aus dem Publi­kum der Ver­an­stal­tung wur­de deut­lich ein gesell­schaft­li­cher „Anspruch auf Qua­li­tät“ pos­tu­liert. Es bestehe eine Ver­ant­wor­tung der Sen­der, die­sem Anspruch gerecht zu werden.

Foto v.l.n.r.: Claus Gre­we­nig, Klau­dia Wick, Dr. Gerd Bau­er, Dr. Nor­bert Schnei­der (© LMS/Franz-Gallé)

 

Kon­takt für Presseanfragen:

Vio­la Betz

Pres­se­spre­che­rin / Lei­te­rin des Büros des Direktors

13. Juni 2014