„Hart erkämpftes Gut in postfaktischen Zeiten“

Demokratie und Medien: Pressefreiheit in unsicheren Zeiten – Fachkonferenz zum Internationalen Tag der Pressefreiheit

PM 12/2017

Saarbrücken, 4. Mai 2017: Anlässlich des Internationalen Tags der Pressefreiheit am 3. Mai hat die Landesmedienanstalt Saarland ge­mein­sam mit dem Saarländischen Journalistenverband und der Siebenpfeiffer-Stiftung zu ei­ner Veranstaltung zum Thema Demokratie und Medien ein­ge­la­den.

Initiator der Veranstaltung Uwe Conradt, Direktor der LMS, nutz­te die Gelegenheit, um den Journalisten und al­len an­de­ren Medienschaffenden für ih­re Arbeit zu dan­ken. Angesichts der Vielzahl an re­pres­si­ven Maßnahmen durch aus­län­di­sche staat­li­che Stellen ge­gen­über den Medien be­ton­te er die Bedeutung der Staatsfreiheit der Medien, aber auch der Staatsferne der Medienregulierung im de­mo­kra­ti­schen Rechtsstaat: „Jeder Journalist muss das Recht ha­ben, frei und oh­ne Angst be­rich­ten zu kön­nen. Eine Beschränkung der Pressefreiheit ist im­mer auch ei­ne Beschränkung der Demokratie.“Dr. Eva Wagner be­leuch­te­te so­wohl die grund­recht­li­chen Garantien für die Informationsfreiheit der Bürgerinnen und Bürger als auch die Notwendigkeit un­ab­hän­gi­ger Medien, die hier­für ei­ne „grund­sätz­li­ch dis­kri­mi­nie­rungs­frei er­schlos­se­ne Informationsgrundlage“ zu schaf­fen hät­ten. Anderenfalls lie­fe die­ses Grundrecht ins Leere. Insoweit könn­ten die Massenmedien als „kol­lek­ti­ves Wissen der Gesellschaft“ an­ge­se­hen wer­den. Ihnen kom­me ei­ne ge­sell­schaft­li­che Aufgabe zu bei der Gewährleistung ei­nes frei­heit­li­chen Meinungsbildungsprozesses. „Sauber re­cher­chier­te Berichte und dar­auf auf­bau­en­de be­grün­de­te Meinungsäußerungen ha­ben auch in der sog. Informationsgesellschaft nichts von ih­rem Wert ein­ge­büßt“, so die Expertin für Medienrecht, Öffentliches Recht, Völker- und Europarecht an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Diesen Ansatz griff der Fernsehjournalist und Redakteur des RTL-Nachtjournals, Lothar Keller, auf. Einer vor­geb­li­chen oder tat­säch­li­chen „Glaubwürdigkeitskrise der Medien“ kön­ne in „post­fak­ti­schen Zeiten“ mit pro­fes­sio­nel­ler Ausbildung, ver­ant­wor­tungs­vol­lem Journalismus und der Einhaltung von Qualitätsstandards in der Berichterstattung er­folg­reich be­geg­net wer­den. Lothar Keller: „Das Internet hat die Schnelligkeit im Journalismus neu de­fi­niert. Diesen Wettbewerb kön­nen die klas­si­schen Medien nicht ge­win­nen. Wir ver­lie­ren an Glaubwürdigkeit, wenn wir beim Versuch, ge­nauso schnell zu sein, ge­nauso vie­le Fehler ma­chen. Gewinnen kön­nen wir nur, wenn wir die Menschen in­halt­li­ch über­zeu­gen, ih­nen pro­fes­sio­nel­le Einordnung der Informationen bie­ten, und wenn sie si­ch auf uns ver­las­sen kön­nen. Unser Motto soll­te da­her sein: `Be first, but be first right!´“

Ein en­ga­gier­tes Plädoyer ge­gen Einschränkungen von Informations- und Medienfreiheiten und für ei­nen frei­en und un­ab­hän­gi­gen Journalismus hielt Ayca Tolun. Die WDR-Redakteurin war Gründungsmitglied der WDR-Welle Funkhaus Europa (jetzt Cosmo) und ar­bei­te­te dort u.a. in der „Türkischen Redaktion“. Zur Lage der Medien in der Türkei und der Rolle tür­kisch­spra­chi­ger Medien in Deutschland kon­sta­tier­te sie: „Die Presse(Un)freiheit in der Türkei, hat mas­si­ve Auswirkungen auf die Deutsch-Türken in Deutschland. Und so­mit auch auf die in­nen­po­li­ti­schen Debatten hier­zu­lan­de. So ist z.B. die jetzt ge­ra­de wie­der auf­ge­popp­te Debatte um die Leitkultur mit ein Ergebnis der Entwicklungen in der Türkei. Deutsch-Türken in­for­mie­ren si­ch in Sachen Türkei fast aus­schließ­li­ch über tür­ki­sche Medien. Die tür­ki­schen Medien ha­ben die tür­ki­schen Wähler des Referendums in Deutschland glei­cher­ma­ßen wie die Wähler in der Türkei be­ein­flusst. Die gro­ße Zahl der Ja-Stimmen aus Deutschland hat die deut­sche Politik er­schreckt. Die Folge: er­st die Doppelpass Debatte. Jetzt die Leitkultur-Debatte!“

Über „Information und Desinformation an­ge­sichts von Fake News und staat­li­cher Propaganda“ sprach die Vorsitzende des Saarländischen Journalistenverbandes Ulli Wagner mit Martin Schlak und Andre Wolf.

Die SR-Journalistin, Mitinitiatorin und Moderatorin der Veranstaltung, be­frag­te den Redakteur des Reportagemagazins GEO, Martin Schlak, über sei­ne Erfahrungen wäh­rend ei­nes Undercover-Praktikums in der Berliner Redaktion von Russia Today. Als Fazit sei­ner Recherche kam Schlak zu der Bewertung: „Wahrheit ist das höchs­te Gut im Journalismus. Sie ab­zu­bil­den, ist die wich­tigs­te Aufgabe ei­nes Journalisten. Gelenkte oder pro­pa­gan­dis­ti­sche Medien wie RT Deutsch pro­du­zie­ren da­ge­gen al­ter­na­ti­ve Wahrheiten, die bes­ser in ihr Weltbild pas­sen. Sie wol­len den Glauben dar­an auf­lö­sen, dass es so et­was wie die wah­re Version ei­nes Ereignisses über­haupt gibt.“

Über den Umgang mit Wahrheit und Möglichkeiten der Entlarvung von Falschmeldungen im Internet be­rich­te­te Andre Wolf, Content- und Social-Media Coordinator der Initiative Mimikama – Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch mit Sitz in Wien. „Unsere Arbeit ist nicht als Hochglanzprojekt am Reißbrett ent­wor­fen wor­den, son­dern selbst aus der Not ent­stan­den. Mimikama hat ei­ne Lücke ge­füllt, wel­che den Verein selbst her­vor­ge­bracht hat“, so Wolf. „Das flä­chen­de­ckend ver­füg­ba­re Internet, so­wie die ein­fa­che Teilnahme an so­zia­len Netzwerken hat zu ei­ner sehr schnel­len Kommunikationskultur ge­führt, in wel­cher durch vor­schnel­les Kommunizieren nicht nur von Privatpersonen, son­dern häu­fig auch durch Medien die in­halt­li­che Qualität lei­det.“ Seine Einschätzung zur Lage der heu­ti­gen Informationsgesellschaft lau­te­te: „Wir le­ben nicht mehr in den Achtziger- oder Neunzigerjahren des letz­ten Jahrtausends. Wir kön­nen und dür­fen nicht mehr zwi­schen »re­a­ler« und »vir­tu­el­ler« Welt un­ter­schei­den, denn wir sind mitt­ler­wei­le so weit vor­ge­drun­gen, dass bei­de Welten in­ein­an­der über­ge­gan­gen sind.“

In sei­nen Schlussworten be­ton­te Dr. Theophil Gallo, Mitveranstalter der Tagung, Landrat des Saarpfalz-Kreises und Vorsitzender der Siebenpfeiffer-Stiftung: „Je mehr z.B. tech­ni­sche Möglichkeiten die Erstellung und Verbreitung un­wah­rer, ver­fälsch­ter oder ge­fälsch­ter Informationen zu­las­sen, desto mehr muss auf die Authentizität von Quellen und auf de­ren un­be­schränk­te Zugänglichkeit, Verfügbarkeit so­wie die un­ge­stör­te Arbeit un­ab­hän­gi­ger Journalisten ge­ach­tet wer­den. Die Presse- und Meinungsfreiheit ist ein hart er­kämpf­tes Gut, das es stets zu ver­tei­di­gen gilt – ins­be­son­de­re in un­se­rer heu­ti­gen Gesellschaft, in der lei­der oft­mals des­sen Bedeutung nicht hoch ge­nug ge­schätzt wird. Die Siebenpfeiffer-Stiftung wird des­halb aus der de­mo­kra­ti­schen Tradition her­aus das Thema ‚Demokratie und Medien‘ ge­mein­sam mit dem Journalistenverband und der Landesmedienanstalt Saarland auch in Zukunft wei­ter be­ar­bei­ten.“

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Kontakt für Presseanfragen:
Viola Betz
Leiterin Büro des Direktors / Pressesprecherin
Tel.: 0681 38988-11
E-Mail: betz [at] lm­saar [dot] de

Foto © Pasquale D’Angiolillo: v.l.n.r. Dr. Theophil Gallo, Ulli Wagner, Martin Schlak, Dr. Eva Wagner, Andre Wolf, Lothar Keller, Ayca Tolun, Uwe Conradt

4. Mai 2017