Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus in den Medien

Gedenken, Erinnern und die Demokratie aktiv verteidigen!

PM 34/2018

Saar­brü­cken, 09. Novem­ber 2018: Anläss­lich des 80. Jah­res­ta­ges der Reichs­po­grom­nacht hat die Lan­des­me­di­en­an­stalt Saar­land am 9. Novem­ber 2018 zu einer Fach­ver­an­stal­tung eingeladen.

Uwe Con­radt, Direk­tor der LMS, zog in sei­ner Begrü­ßung eine direk­te Linie vom 9. Novem­ber 1938 zu Arti­kel 5 des Grund­ge­set­zes und damit zum Auf­ga­ben­ge­biet der LMS: „Mei­nungs­frei­heit, Presse- und Rund­funk­frei­heit sind Eck­pfei­ler der Demo­kra­tie. Sie sind Kern­be­stand­teil unse­rer Ver­fas­sungs­ord­nung und die­se ist eine Ant­wort auf die Dik­ta­tur des Natio­nal­so­zia­lis­mus und den Holo­caust. In die­sem Sin­ne ist der 9. Novem­ber für uns Mah­nung und Auf­trag für die Zukunft.“

Als Ein­füh­rung in das Tagungs­the­ma stell­te Dr. Jörg Ukrow, stellv. Direk­tor der LMS, den 9. Novem­ber 1938 in einen grö­ße­ren his­to­ri­schen Zusam­men­hang. Er skiz­zier­te die Geschich­te des Anti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land von Luther über die Zeit der Indus­tria­li­sie­rung bis in das 19. Jahr­hun­dert, als ras­sis­ti­scher Anti­se­mi­tis­mus im Kai­ser­reich „kul­tur­fä­hig“ wur­de. Schon damals sei die Pres­se Anfein­dun­gen aus­ge­setzt gewe­sen, weil sie angeb­lich den nega­ti­ven Ein­fluss des Juden­tums auf das Schick­sal der Deut­schen tabui­siert habe. „Damit und mit der anschlie­ßend bis weit in das Bür­ger­tum gepfleg­ten ‚Dolch­stoß­le­gen­de‘ ist ein direk­ter Bezug zu heu­ti­gen Angrif­fen auf die Pres­se­frei­heit und Ver­zer­rung der Wahr­neh­mung his­to­ri­scher Tat­sa­chen gege­ben“, so Ukrow. In der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus kön­ne man eine wei­te­re Ana­lo­gie zur heu­ti­gen Situa­ti­on dar­in erken­nen, dass schon damals von staat­li­cher Sei­te eine Fil­ter­bla­se geschaf­fen wurde.

Dr. Hel­mut Albert, Lei­ter der Abtei­lung Ver­fas­sungs­schutz im Minis­te­ri­um für Inne­res, Bau­en und Sport des Saar­lan­des, behan­del­te in sei­nem Fach­vor­trag das The­ma „Rechts­ex­tre­mis­mus und Medi­en – Zwi­schen Fil­ter­bla­sen und Mobi­li­sie­rung zu Gewalt­ak­ten“. Die­se Pro­ble­ma­tik sei im Kreis der Ver­fas­sungs­schutz­be­hör­den der­zeit hoch­ak­tu­ell. Merk­ma­le von Rechts­ex­tre­mis­mus sei­en Natio­na­lis­mus, Ras­sis­mus und völ­ki­scher Kol­lek­ti­vis­mus, bei dem die Exis­tenz eines soge­nann­ten Volks­wil­lens behaup­tet wer­de.  Die­se Denk­wei­se sei bei 10 — 15 % der Bevöl­ke­rung ver­brei­tet, wer­de aber erst dann zur Gefahr, wenn sie orga­ni­siert und gewalt­ori­en­tiert auf­tre­te. Hier kon­sta­tier­te Albert für das Jahr 2018 eine beson­ders besorg­nis­er­re­gen­de neue Ent­wick­lung: Bei den Demons­tra­tio­nen in Chem­nitz habe man eine ‚Ent­gren­zung des Rechts­ex­tre­mis­mus‘ beob­ach­tet. Maß­geb­lich für die Mobi­li­sie­rungs­fä­hig­keit unter­schied­li­cher rechts­ge­rich­te­ter Grup­pie­run­gen sei die Nut­zung sozia­ler Medi­en gewe­sen, so Albert. Als gefähr­lichs­te und pro­fes­sio­nells­te Orga­ni­sa­ti­on in die­sem Bereich bezeich­ne­te Albert die Iden­ti­tä­re Bewe­gung Deutsch­land (IBD). Mit ihren Bil­dern und Fil­men erreicht die IBD bei nur etwa 500 Mit­glie­dern über Twit­ter und You­tube regel­mä­ßig über 40.000 Nutzer.

Juli­an Boll­höf­ner, Refe­rent für Rechts­ex­tre­mis­mus bei der Fach­stel­le Jugendschutz.net, behan­del­te in sei­nem Vor­trag „Anti­se­mi­tis­mus online als Her­aus­for­de­rung für den Jugend­me­di­en­schutz“. Anti­se­mi­tis­mus sei gesell­schaft­lich anschluss­fä­hig gewor­den, ins­be­son­de­re, wenn er indi­rekt geäu­ßert wer­de oder als Anti­zio­nis­mus auf­tre­te, stell­te Boll­höf­ner in sei­nen Recher­chen fest. In Ein­zel­bei­spie­len erläu­ter­te er Insze­nie­rungs­for­men und Wirk­me­cha­nis­men anti­se­mi­ti­scher Ange­bo­te sowie das zah­len­mä­ßi­ge Ver­hält­nis von Akteu­ren, Kom­men­ta­to­ren und Kon­su­men­ten von Hate Speech. Dem­nach stün­den einem Pro­zent Akteu­re nur neun Pro­zent Kom­men­ta­to­ren gegen­über, aber 90% Kon­su­men­ten. Des­halb, so Boll­höf­ner, sei es so wich­tig, Hass-Postings nicht unwi­der­spro­chen zu lassen.

Hate Speech – Umgang mit den nar­ra­ti­ven Stra­te­gien der ‚Neu­en Rech­ten‘“ war auch The­ma von Flo­ri­an Klein, ver­ant­wort­lich für den Bereich poli­ti­sche Bil­dung und Bera­tung beim Adolf-Bender-Zentrum e.V. In sei­ner medi­en­päd­ago­gi­schen Arbeit klärt er auf über nar­ra­ti­ve Stra­te­gien, Sprach- und Argu­men­ta­ti­ons­mus­ter rech­ter Pro­pa­gan­da. Gän­gig sei­en vor allem die Nar­ra­ti­ve ‚Bedro­hung‘, ‚Unter­gang der Deut­schen‘, ‚Ver­schwö­rung‘, ‚Wider­stand‘ und ‚Opfer­si­tua­ti­on‘. An kon­kre­ten Bei­spie­len wur­den Stra­te­gien der ‚Neu­en Rech­ten‘ zur Ein­schüch­te­rung, Belei­di­gung, Des­in­for­ma­ti­on und Pro­pa­gan­da erläu­tert. Klein stell­te fest, dass die ‚Neue Rech­te‘ sub­ti­ler und gesell­schafts­fä­hi­ger als ihre Vor­läu­fer agiert, jedoch ideo­lo­gisch auf dem glei­chen völkisch-nationalistischen und latent gewalt­be­rei­ten Boden steht.

Hin­wei­se zu Hate Speech, Anti­se­mi­tis­mus und ande­ren ras­sis­ti­schen Äuße­run­gen kön­nen an Jugendschutz.net, Programmbeschwerde.de oder an das Pro­jekt #Dop­pel­Ein­horn gemel­det werden.

Kon­takt für Presseanfragen:
Vio­la Betz
Pres­se­spre­che­rin / Lei­te­rin des Büros des Direktors

 

12. November 2018